Dienstag, 27. März 2012

Kurzes Gesundheitsupdate sowie Bauchpinselei


Die Antibiotika schlagen an, sowohl bei Oona, als auch bei mir. Oona stapft schon wieder herum, merkt aber trotzdem noch deutlich, dass sie Typhus hat und es nicht übertreiben darf. Sie sieht aber nicht mehr aus wie das zitternde Gespenst, dass wir in den Emergency Room des Korean Hospitals geschleppt haben.
Mein Darm beruhigt sich langsam von den Attacken der letzten Wochen und ich merke die Kraft, die mich diese Wochen gekostet haben. Vielleicht sind das aber auch die Nebeneffekte der Antibiotika. Ich wiege im Moment 68 Kilogramm bei 1,88m Körpergröße – vor meinem Abflug nach Addis waren das ohne Klamotten bei gleicher Körpergröße 76 Kilogramm.

Die Arbeit geht weiter, und das Leben macht weiterhin ungebrochen Spaß. Nur ein bißchen Erholung würden mir gut tun.

Ihr erinnert Euch an Emanuel, den Pfarrer meines ersten Wochenendes? Falls nein, siehe „Service und andere Intensitäten“.
Dieser hat meine Photos auf seine Webseite gesetzt, Werbeposter draus gemacht und bezahlt mir nun Flüge, Futter, Hotels und sonstige Spesen um ein Wochenende nach Nairobi, Kenia zu fliegen und dort als sein persönlicher Photograph einer Riesen-Spiritual-Konferenz beizuwohnen.

Wenn ich sage, dass ich gebauchpinselt bin, ist das vielleicht ein wenig untertrieben.

Montag, 26. März 2012

Tropische Spezialitäten der anderen Art


Das ich seit einigen Wochen mit malader Verdauung zu kämpfen habe, ist ja nichts Neues.

Nun kamen Anna und ich gestern Abend vom Springreitturnier zurück und kauften noch ein wenig bei Friendship (Supermarkt in der Nähe) ein. Wir bekamen einen Anruf von Anna's finnischer Freundin Oona, sie habe seit einer halben Stunde Fieber, 38°C im Moment. Naja, Grippe kann schon mal vorkommen, denken wir uns, kaufen weiter ein und machen uns auf den Weg nach Hause, insgesamt ca.10 Minuten Fußweg.

Ungefähr auf der Hälfte des Weges der zweite Anruf: Oona’s Fieber steigt auf 38,8°C – das Fieber beschleunigt sich und wir unseren Heimweg auch.

Als wir bei ihr am Bett stehen, ist es auf 39.3°C in insgesamt 2 Stunden gestiegen, gemessen unter der Achsel. Es geht ihr gar nicht gut, sie friert, dabei sind es 25°C und sie ist dick eingepackt in Decken. Ihr ist speiübel und wir bekommen Schiss.
Ein Anruf per Skype bei einem befreundeten Arzt in Deutschland später (es lebe das Internet!) und wir wissen schon mal, dass es wahrscheinlich keine Meningitis ist. Trotzdem: Krankenhaus, so seine dringende Empfehlung.

Das „Korean Hospital“ ist ein Geschenk von Südkorea an Äthiopien als Dank für die Entsendung 5000 äthiopischer Infanteristen im Koreakrieg. Es ist ein Privatkrankenhaus (es gibt die staatsfinanzierten „Black Line Hospitals“ in die jeder gehen kann) und der Präsident selbst kommt hierher, um sich operieren zu lassen, also ein „rich people hospital“. Man bezahlt de facto in dem Moment, in dem man es betritt. Während man sich dort aufhält sammelt man Rechnungen der einzelnen Abteilungen für die empfangenen Leistungen, diese darf man am Ausgang direkt begleichen – 110 Birr für die Registrierung, 160 für das erste Gespräch mit dem Doktor, 240 für ein kleines Blutbild plus Stuhl- und Urinprobe und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten: geschätzte 98% Minimum der vergleichsweise wohlhabenden Bevölkerung von Addis kann sich dieses Krankenhaus nicht leisten.

Nun ist mir klar, dass ein europäischer, gar deutscher Zustand in einem öffentlichen äthiopischen Krankenhaus nicht erreicht wegen kann. Aber was nun kam, habe ich in einer Privatklinik mit europäischer Klinikleitung und koreanischem Vizechef nicht erwartet.

In der Luft liegt ein schwerer, süßlicher Geruch, wie auf einem Obstmarkt nach einem langen Tag voller Obstfliegen im Sommer. Interessanter Kontrast, da ich eigentlich den beißenden Geruch von Desinfektionsmitteln erwarte.
Der Boden ist übersäht mit den Überbleibseln dessen, was sich Leute tagsüber als Picknick für die Wartezeit mitgenommen haben – und richtig, dezent nach Biomüll riechende und mit Fliegen besiedelte Essensreste stehen auf Tischen direkt vorm Labor.
An der Wand vor dem Labor blättert ein vergilbtes Blatt von der Wand: „How to desinfect your hands hygienically“. Blöd nur, dass in keinem Sanitärbereich Seife oder Desinfektionsmittel vorhanden sind. Auch sind entsprechende Badarmaturen und Handwaschbecken nicht in der Lage eine Verbesserung der Sauberkeit meiner Hände herstellen zu können.
Apropos Sanitärbereich: Im Klo der Damen sind 2 von 3 Aborten „out of order“  und deshalb verrammelt. Dies sind, wohlgemerkt, die Klos für den gesamten Wartebereich des Krankenhauses. Nun gut, kein Problem, denkt sich der geneigte Krankenhausbesucher – es gibt ja noch die eine offene. Tür aufgemacht, und ganz schnell wieder geschlossen: Der Boden ist vor Blut, verdrecktem Toilettenpapier und Exkrementen gar nicht mehr zu sehen, der Gestank unbeschreiblich. Nicht erwähnenswert ist, dass das Herrenklo keine wirkliche Verbesserung darstellte.
Der Zustand des Labors ist „spannend“, wenigstens die Nadeln sehen steril verpackt aus.

In diese Umgebung schleppen Kirubel (befreundeter Journalist der auch mit uns auf dem Mercato war), ein Freund von ihm, Anna und ich dieses zitternde, fiebernde Häuflein Elend, das mal Oona war. Wir sprechen uns gegenseitig bitter nötigen Mut zu – wie Oona sich fühlt, will ich gar nicht wissen.

Nach zwei Stunden Stolperei durch dieses albtraumartige Labyrinth sitzt Oona zusammen mit Kirubel im Behandlungsraum, der Arzt spricht in müdem Amharisch auf Kirubel ein und gibt ihm ein Rezept.

Oona hat Typhus.

Oona hat Typhus – hört sich dramatisch an, Anna und ich sind auch gebührend geschockt. Typhus ist hier aber so häufig, dass es keinen hinterm Ofen hervorholt und den Arzt schon gar nicht in Hysterie versetzt. Auch unsere äthiopischen Freunde sind jetzt nicht wirklich geschockt.

Eine halbe Stunde später hat Oona ein Schmerzmittel und die ersten Antibiotika intus und alle liegen im Bett.

Alle?

Nein, nicht alle.

Tief in den Bole Homes leuchtet noch ein Licht, gluckert noch ein Darm, rauscht noch eine Klospülung.

Diese Nacht schlafe ich etwa 1 ½ Stunden, den Rest sitze ich auf der Klobrille und übe mich im Hinternpinkeln, während sich das Toilettenpapier proportional zum Elektrolyt- und Flüssigkeitsgehalt meines Körpers langsam aber sicher dem Ende neigt.

Um 8 morgens holt mich Amanuel ab, völlig schlaff hänge ich in seinem Auto. Wir sind auf dem Weg zu seinem Hausarzt, dessen hygienische Bedingungen, wie ich erleichtert berichten darf, um einiges besser sind als die des Korean Hospitals. Der Arzt diagnostiziert drei Stunden später Salmonellen, die ich seit knapp vier Wochen mit mir rumtrage (ich berichtete - mehrfach).

Voll ausgestattet mit Antibiotika kann ich nun auch das Kapitel „Tropische Krankheiten“ – hoffentlich – abhaken.

Sonntag, 25. März 2012

Schömping


Die ersten Wolken ziehen auf! Seit Wochen warten die Menschen in Äthiopien auf die sogenannte „mini rain season“, eine Regenzeit in Kurzversion. Diese soll zwei bis drei Tage dauern und bringt den Bauern die entscheidende Menge Feuchtigkeit um ihre gesäte Ernte durchzubringen. Fällt die Miniregenzeit aus, fällt die Ernte aus.

Trotz der dunklen Vorboten am Himmel hatten Anna und ich ein Contract Taxi gemietet um im Frühtau zur italienischen Botschaft zu fahren. Dort würden wir zufällig ebendiesen Botschafter treffen, der uns daraufhin, dermaßen beeindruckt von uns beiden, zu seinen persönlichen Attachées machen wollte – Limousineservice mit „Corps Diplomatique“-Kennzeichen,  Diplomatenstatus, Wohnung in der Residenz des Botschafters und ein fürstliches monatliches Taschengeld inklusive.

So mein Traum.

Doch nein, wir waren lediglich dort um uns ein Springreitturnier (Jumping Competition) anzuschauen. Die deutsche (selbstverständlich), die englische, die französische und die italienische Botschaft haben nämlich ihre eigenen Ställe, die regelmäßig Dressur- und Springturniere gegeneinander abhalten. Addis hat auch noch 2 Reitvereine, die sind auch noch von der Partie. Um die Pferde zu diesem Zwecke von einer Botschaft in die andere zu bekommen, werden sie nicht etwa in einen Hänger verladen, nein nein. Warum etwas auf Räder stellen, wenn es sich doch selber fortbewegen kann?

So sieht man vor und nach den Turnieren Hunderte von stolzen Pferden von einem Ende der Stadt zum anderen Ende der Stadt ziehen, auf der Ring Road (Durchschnittsgeschwindigkeit 80 km/h) genauso wie durch Slums auf irgendwelchen holperigen Staubpisten zwischen Wellblechhütten. Ein absurder Anblick.

Wir gingen also in die Parkanlage, die italienische Botschaft heißt (wir gingen gut 10 Minuten mitten durch das Gelände, das eigentliche Gebäude habe ich noch nicht mal gesehen) auf das Reitareal zu, wo uns die Stimme von Dominique, der Kampfrichterin, aus den Lautsprechern entgegenschallte. Ich dachte zuerst, die Stimme sei ziemlich männlich. Dominique, Französin, Mitte 60, Schlabber-T-Shirt mit Lederbauchtasche lebt seit 40+ Jahren in Addis und spricht 4 Sprachen (Französisch, Englisch, Amharisch, Italienisch) flüssig aber keine einzige davon wirklich gut. Amharisch nicht, wegen ihres französischen Akzents. Italienisch nicht, wegen ihres französischen Akzents. Englisch nicht, wegen ihres französischen Akzents. Französisch nicht, wegen ihres amharisch-italienisch-englischen Akzents.

Dominiques Lieblingsbeschäftigung ist es, einem Reiter ein: „Aim sohry, ju did not kompliete sö schömp kurse, so ju ’äv biehn öliminätöde!“ bei voller Lautstärke durch das Mikrophon entgegen zu schleudern – wenn sie nicht vergas, das Mikrofon anzuschalten.

Wenn ihr das jetzt nicht verstanden habt, geht es Euch wie mir.

Das Springen an sich war aber sehr eindrucksvoll! Es gibt einige wunderschöne Pferde, die Hürden waren aus Tropenhölzern gefertigt und das Wetter wunderbar. Nur der äthiopische Reitstil war teilweise ein wenig gewöhnungsbedürftig – aber seht selbst! (Bilder folgen morgen)

Das „Schömping“ war beendet.

Samstag, 24. März 2012

Armut


Überall, wo man hier hinblickt, gibt es Bettler.

Nicht verwunderlich für ein Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, in dem die Analphabetenrate bis vor wenigen Jahren bei über 80% war (lt. Regierung, also mit Vorsicht zu genießen) und in dem die Arbeitslosigkeit in den Städten bei über 30% steht (lt. Erhebung der Central Statistic Agency vom März 2011, ebenfalls Regierungszahlen).

Nun stellt sich mir im alltäglichen Leben hier die Frage: Wie gehe ich damit um?

Zu diesem Zwecke habe ich mich ein wenig bei meinen äthiopischen Bekannten umgehört, die ein besseres Verständnis für die hiesige Kultur haben sollten, als ich.

Generell scheint es so zu sein, dass es weniger organisiertes Betteln gibt, als beispielsweise in den Großstädten Indiens – die Armut, die man auf den Straßen sieht, ist häufiger „echte“ Armut und nicht nur für größtmögliche Effekhascherei hergerichtet. Diese Fälle gibt es aber selbstverständlich auch.

Viel verbreiteter als in anderen Kulturen (besonders unserer in Deutschland) ist es, sich gegenseitig zu helfen. Es gibt kein soziales Netz in das wir mitteleuropäischen Seiltänzer uns gemütlich fallen lassen können, wenn uns das Schicksal hinterlistig das Seil durchschneidet. Auch gibt es nur wenig Rechtssicherheit (was ich übrigens auch in meiner Arbeit merke).
Das Prinzip ist also, wenn jemandem aus meiner Familie etwas fehlt, oder es ihm nicht gut geht, helfe ich ihm. Dies führt häufig dazu, dass niemand so wirklich zu Geld kommt, weil ständig der Neffe irgendeines Schwager einer Cousine in Problemen steckt, dem geholfen werden muss. Das Wort „Cousine“ sei hierbei mit Vorsicht zu genießen. Zur Cousinage gehört jeder, der eine einigermaßen enge Beziehung zur Familie pflegt. Klare Sache, nach einem Monat gehört man noch nicht dazu, aber sobald man einige Zeit hier lebt und seine Kontakte pflegt, wird man in den Status erhoben. Die Verantwortung die das für vermögende Familienmitglieder bedeutet, ist immens.

Dieses Helfersyndrom, im positiven Sinne des Wortes, zeigt sich aber auch auf der Straße. Mehrmals habe ich es schon morgens auf meinem Weg nach Selam beobachtet, wie Bettlern und Straßenkindern von Passanten eigens dafür gekauftes Brot, Zucker oder Kekse zugesteckt wurden. Wohlgemerkt, die Passanten verdienen als Vollzeitarbeitskräfte selber meistens weniger als 1200 Birr im Monat, noch nicht mal 60€ - auch wenn man so nicht rechnen darf, da man für diesen Betrag hier natürlich ganz andere Sachen kaufen kann.

Meine nächste Frage war sodann, wem geholfen wird. Das finde ich als Ferenji gar nicht so einfach zu beantworten: Abgerissen sehen die meisten aus (Ausnahmen beschreibe ich gleich), einige zeigen ihre gut gehegten körperlichen Leiden so, dass man sie nicht übersehen kann, andere sind gerade mal 4 Jahre alt und rennen einem teilweise über eine halbe Stunde hinterher, wieder andere versuchen mich mit bewundernswerter Hartnäckigkeit von dem Kauf eines Bananenkaugummis zu überzeugen, den ich probiert habe und nicht noch einmal probieren möchte oder bieten mir an, meine Schuhe zu putzen – ein Relikt, habe ich gelernt, aus den 6 Jahren italienischer Besatzung, denen Äthiopien übrigens auch seine Affinität zu Pasta, Pizza und Espresso zu verdanken hat. Zitat: „Klar kommt das von den Italienern. Überleg doch mal, das ist ein Volk, dass sich häufiger die Schuhe polieren lässt als es die Unterhose wechselt!“ Italiener bin ich, wie sich da spätestens herausstellte, sicher nicht.

Nun, die von mir Befragten hatten allerlei Antworten:
Die einen geben generell kein Geld an Bettler aufgrund der Undurchschaubarkeit der Bettelmafia – das ist aber die absolute Minderheit.
Andere geben generell kein Geld an Bettler, die männlich, gesund und kräftig aussehen – wer in diesem Zustand bettelt, ist nur zu faul sich als Träger, Guard, Schuhputzer oder gefälschte-Software-Verkäufer zu betätigen.
Wieder andere geben am liebsten Geld an solche, die eine kleine Arbeit verrichten für ihr Einkommen. Paradebeispiel sind hier die Schuhputzer, die meistens in langen Reihen am Straßenrand sitzen, jeder seine Ausrüstung (immer dieselbe: zwei Bürsten, ein Schwamm, eine Flasche, Schuhcreme in verschiedenen Ausführungen und Transportkiste zum Schuhabstellen) vor sich und auf Kundschaft wartend. Diese Jungs, im Alter zwischen 8 und 20 Jahren, putzen einem mit Hingabe und viel Sachverstand die Schuhe, was in etwa 10 Minuten dauert. Dafür verlangen sie zwischen 1 und 3 Birr (je nachdem wie Ferenji du erscheinst), also zwischen 5 und 15 Cent.
Einer meiner Bekannten sagte mir also, dass er solchen „informell Beschäftigten“ am liebsten Geld gibt, und dann auch gern das 5 – 10 fache dessen, was sie verlangt haben, da sie sich um Einkommen bemühen und bereit sind, dafür eine Leistung zu geben. Weitere Beispiele sind Geldwechsler, Klopapier- (verkaufen Klopapier portionsweise) Mobilfunkguthaben- oder Kaugummiverkäufer.

Einer aber stach heraus: Amanuel, Beth (eine äthiopische Australierin) und ich waren unterwegs als uns ein Bettler entgegen kam. Wie es Brauch ist, sagten wir etwas, was sich wie „egsirsteren“ anhört – Amharisch für „möge Gott Dir gnädig sein“.  Wir dachten uns nichts und gingen weiter, da kam er an unser Auto – nichts ungewöhnliches an sich. Ungewöhnlich war, dass er wirklich anständig angezogen war: Jackett, Hemd, ordentliche Schuhe und eine saubere Hose. Jemand, der eher in eine Zeitungsredaktion als auf die Straße gehört.
Amu bemerkte dies, gab ihm 50 Birr und der Mann fing an zu weinen, während er davonstolperte. Kein betrunkenes Stolpern, eher so, als fühle er seine Füße nicht. Der arme Mann zitterte am ganzen Leib und wurde auf seinem Weg über die Straße fast überfahren.
Es stellte sich heraus, dass der Mann Chauffeur für das Büro einer bilateralen Development Agency (bspw. die deutsche GIZ oder die Austrian Development Agency) war, bis er Parkinson bekam. Ihm wurde gekündigt und nun steht der Mensch auf der Straße um die Miete seines Hauses zusammenzubetteln, damit seine Kinder, die alle noch in die Schule gehen, ein Dach über dem Kopf haben.
Sowas kann einem natürlich viel erzählt werden. Um herauszufinden, ob dies wirklich so sei, rief Amanuel seinen Cousin an, der in derselben Gegend wohnt. Dieser ging zur Bezirksverwaltung („kebele“, ich berichtete) und stellte Erkundigungen an – und tatsächlich, die Geschichte stimmte so 1:1.

Daraufhin rief Amu seine Freunde zusammen und veranstaltete einen kleinen Fundraising Event: Premier League schauen am Wochenende, es sollte ja auch Spaß machen. Wir haben dort genügend Geld gesammelt, dass der Mann seine Lebenshaltungskosten bezahlen kann, bis er in ein paar Monaten ein „Condominium“ vom Kebele zugewiesen bekommt, eine Art Sozialwohnung, die er sich dann selbstständig leisten kann.

Man muss ein Auge für solche Fälle haben – mir fällt das noch sehr schwer.   

Freitag, 23. März 2012

Viel zu tun!


Entschuldigt bitte, dass ich mich einige Zeit nicht gemeldet habe, aber hier ist ein gewisser Alltag eingekehrt, der von den Anstrengungen gezeichnet ist, dieses Business Center auf die Beine zu stellen und die Flitzekacke im Zaum zu halten.

Ich hab’s unterschätzt (das Firmengründen) – obwohl ich erwartet habe, dass es schwer wird. Aber man kann es sich trotzdem nicht so wirklich vorstellen, auf wie viele Hürden man stößt. Vor allem wenn man denkt, jetzt sei der Durchbruch geschaffen, stellt einem irgendetwas dann doch wieder ein Bein, so dass man der Länge nach auf die Nase fällt und fast wieder von vorne anfangen muss.

So hatte ich diese Woche einige Termine mit verschiedenen Bildungsinstitutionen in der Nähe der potentiellen Location des Business Centers. Einige liefen extrem gut – eine Zusammenarbeit ist erwünscht, andere eher weniger. Dazu kamen noch ein paar andere nervige Umstände, und wie Oona (Finnin, die ihren Master über das Renaissance-Dam-Project, einem riesigen Nildamm, schreibt) sagte: Ich sei hier um was zu lernen, und nicht um allen zu zeigen, wie toll ich sei und wie leicht man in Äthiopien eine Firma gründet. Wie ich mir denn vorstelle etwas zu lernen, wenn alles einfach geht?

Und Recht hat sie: Das war eine anstrengende Woche, ich habe eine weitere anstrengende Woche vor mir, danach ist dann aber auch ein weiterer Meilenstein geschafft.

Dienstag, 20. März 2012

Informelles Einkommen


Über mein Erlebnis am Samstag Mittag berichtete ich (--> "Piazza").

Eine Bekannte lief eine Straße entlang, als ein Auto langsamer wurde und neben ihr herfuhr. „Salaam! Eh, salaam nou!“ schallte es heraus, vollgestopft mit jungen Kerlen. Das Mädel, durchaus ein wenig gebauchpinselt, winkt zurück, lächelt lieb und fängt ein wenig an zu flirten. So geht es hin und her und zwar so lustig, dass sie nicht bemerkt, wie nebenher von zwei anderen jungen Männern ihre Handtasche aufgemacht und vollständig ausgeräumt wird.

Ein Arbeitskollege bei Selam suchte an einer Bushaltestelle einen Bus, als ihn eine gepflegte Business-Frau mit teurer Handtasche, gesundem Haar und dezentem Make-Up anspricht – Professionalität in Person. Sie würde jemanden treffen, wär aber schon eine halbe Stunde zu spät und ihr Handy hätte kein Geld mehr (in Äthiopien gibt es keine Mobilfunktverträge). Ob sie kurz einen missed call mit seinem Handy, einem brandneuen iPhone absetzen könnte? Keine Angst, kicher, als Sicherheit könnte er für die Zeit ja die Handtasche haben. Super, echt nett, das hilft, weil das Treffen echt wichtig ist!
Sprach’s, nahm’s und weg waren sowohl Handy (an jemanden weitergegeben), und Sekunden später auch sie.
Naja, dachte sich mein Kollege, hab ja immer noch die Tasche. Der Arme macht sie auf und findet einen Haufen Müll und Altpapier in dem billigen China-Imitat.

Ein Bekannter fuhr mit seinem dicken 4x4 auf den Mercato (à siehe Post).
Hupend tat er sein Bestes um vorwärts zu kommen, aber es war nichts zu machen, rechts und links drängten sich die Massen an seinem Truck vorbei – er musste anhalten. Der Gute fing schon an zu fluchen, da sah er einen abgerissenen, sehr ärmlichen, offensichtlich betrunkenen Landsmann der von vorne auf das Auto zutorkelte. Zwischen den Lippen hing ihm eine nicht angezündete Zigarette, und damit dieser unbefriedigende Zustand ein Ende fände beugt er sich vor, um sie am Licht des Jeeps anzuzünden. „Merkwürdiger Anblick“ wäre eine unzureichende Situationsbeschreibung.
Der Kerl saß also in seinem Jeep, seine schlechte Laune verflog und er fing an laut zu lachen.
3 Minuten später hatte sich das mit dem Lachen, als er merkt, dass ihm währenddessen der komplette Kofferraum ausgeräumt wurde.
Mercato! Hier findet man immer nette Leute, die einem beim Tragen von Wertsachen zur Hand gehen
So viel Kreativität muss fast schon wieder belohnt werden.

Montag, 19. März 2012

Der frühe Vogel kann mich mal

Smog überm morgendlichen Addis
7 Uhr Bole Bras, mit dem Minibus nach Megananga stehen (fahren kann man das in dem Verkehr nun wirklich nicht nennen), von dort gegen etwa viertel vor Acht – so genau weiß man das nie – per Minibus rumpeldipumpel über steinige Piste in Richtung Kotebe rollern, um viertel nach hinter dem grünen Lagerhaus aussteigen und die 100 Höhenmeter zu Selam raufsteigen, begleitet von zahllosen „Ferenjou!“-Rufen. Bettler und Kinder machen sich über den dummen Weißen lustig, der den Hügel (wie alle anderen) hinaufhastet, anstatt (wie jeder andere Weiße) einen fetten 4x4 hochzupeitschen.
Auf dem Weg hoch zu Selam

Halb neun in Selam! Heissahopsa! E-Mails gecheckt, T’osin getrunken und der Tag kann beginnen.

Ach so, hat er schon – vor drei Stunden.



Und Dad, hier musst Du nicht kommentieren.. :)

Sonntag, 18. März 2012

Erholung, nun aber wirklich


Nach den Schrecken von gestern war ich sehr froh, ein wenig mit den äthiopischen Freunden unterwegs zu sein – es macht einfach einen riesigen Unterschied ob man mit einheimischer Begleitung unterwegs ist, oder nicht. Für sie allerdings auch: sie werden auf einmal viel mehr angesprochen als normal, weil ich dabei bin.

Wir haben also gemütlich ausgeschlafen und sind dann zu Amanuels Haus gelaufen, wo es köstlichen Cappucino (die Italiener haben dieses Land nicht kolonialisiert, aber alles dagelassen, was gut schmeckt...) und Pfannkuchen, einmal mit Käse, einmal mit Marmelade gab.
Diesen Sonntag waren wir im Service der Beza International Church. Diese Kirche hat, anders als Emanuels Service letzten Sonntag, eine Denomination: Pentecoastal.
Einen großen Unterschied im Inhalt merkt man insofern nicht zwischen den beiden, als das beide mit Musik anfangen und dann der Pastor predigt.
Beza ist aber mit seinen 2500 jungen Leuten (Hauptsächlich vertreten: 20 – 30 Jährige) auf einer ganz anderen organisatorischen Stufe – man könnte meinen, man ist mitten im Bible Belt in Amerika, technologisch gesehen – und inhaltlich auch.
Das Ganze fängt mit ohrenbetäubendem Christian Rock an, alle singen aus voller Kehle mit und stimmen sich ein auf das, was da kommen mag.
Bevor nun der Pastor (Bruder von AZ, einem richtig lustigen und netten äthiopischen Amerikaner) das Wort ergreift, wird zuerst ein Film, „Beza Updates“, auf allen Beamerleinwänden und Samsung-Flatscreens gezeigt – mitten in der Messe. Dort wird zur Beza-Konferenz in Las Vegas im April eingeladen. Warum die Beza, eine Kirche, die in Addis gegründet wurde, eine Konferenz in Las Vegas macht, habe ich nicht verstanden, aber nun gut: Die katholische Kirche wurde auch nicht in Rom gegründet und hält trotzdem dort Hof. Etwaige Analogien sind selbstverständlich unbeabsichtigt...

Nach der Predigt heißt es „Service dismissed“ und jeder sieht und wird noch ein wenig gesehen.
Ich bin Katholik, das habe ich gemerkt: Die Betonung aller Protestanten auf den Glauben, der allein heilt (ohne die entsprechenden Taten), ist mir zu einfach. Ich kann doch nicht auf der einen Seite meine Frau und meine Kinder schlagen, mit der Frau meines Nachbarn schlafen und meinen Bruder bestehlen und trotzdem ist alles heile Welt, solange ich nur glaube, dass Gott der Größte ist.
So hat sich das nämlich angehört.

Nachmittags, auch das mittlerweile traditionell, geht es in ein Restaurant, wo sich die ganze Clique zum Mittagessen trifft, was normalerweise in einen gemütlichen Abend bei irgendwem mündet. So auch hier, wo sich Mike (noch ein lieber Äthiopier) netterweise bereiterklärt hat uns in seinem Domizil, der ehemaligen Residenz des mexikanischen Botschafters aufzunehmen.
Ich sage Euch, das Haus ein 70er-Jahre-Traum von einem Bungalow inkl. Klinker, Mustermosaik im Badezimmer und flauschigem Teppich – nur leider nicht mehr taufrisch alles. Davor Mike’s Wagen, ein wunder- WUNDERschöner, mit Liebe zum Detail restaurierter Benz aus den 50ern in Silber. Dies alles eingebettet in einen riesigen Garten. Dies ist eine absolute Rarität in Addis, seit die Sozialisten unter Mengistu Kaiser Haile Selassie gestürzt haben und solche Parzellen zum Wohle der Bevölkerung aufteilten.

So ging ein weiterer Tag vorbei – viel zu schnell.

Samstag, 17. März 2012

Piazza

WOCHENENDE!

Ein wenig die Stadt anschauen, und vielleicht die ersten Mitbringsel einsammeln - so war der Plan für heute

Zu diesem Zweck packe man ein: Geld, Schlüssel, Handy, Oona (finnische Bekannte und Freundin von Anna).

Also auf zu Bole Bras, der Busstation um sich, wie sonst jeden Wochentag auch, sehr routiniert und "einheimisch" in ein "Taxi" direkt  nach Piazza zu werfen (werden viele Anführungszeichen heute...).

Wie gesagt, so der Plan.
Ging nur leider kein Taxi nach Piazza. Oona und ich (vor allem ich) stehen also ein wenig orientierungslos unter der Bole Brücke, die Definition des Ferenji.

Und wie Kuhmist Fliegen anzieht, zogen wir beide Schlepper an:"Contract, contract? 300 Birr, I drive you!", "Hey you! Ferenjou! Where you go? Good price!"
Ernsthaft, wir hatten sicherlich so 35 Leute um uns rum, die lautstark nur eins wollten: Geld, und zwar für die verschiedensten Dinge. Oder auch gerne für gar nichts.

Endlich hatten wir einen Minibus ergattert. Steige mit einem Bein in den Bus, da spüre ich doch, wie sich mein Handy aus meiner Tasche bewegt, als würde es rausfallen - dabei kann ein Handy doch nicht nach oben aus einer Tasche fallen, denke ich mir? DAISTWASFAULIMSTAATEÄTHIOPIEN! (frei nach Shakespeare)

Schaue nach unten, sehe mein Handy beim Verlassen meiner Hose gerade noch einmal aufblitzen, da ist meine Tasche schon merklich leichter. Ohne Nachzudenken oder zu schauen packe ich mehr im Reflex nach hinten, bekomm das schuldige Handgelenk zu fassen, schaue in das Gesicht eines Mitte-20-jährigen, sehr verdutzten, schäbig gekleideten Äthiopiers - die Hand ist aber schon wieder leer, das Handy nicht mehr drin.

Immer noch halb am Einsteigen schmeiße ich den guten Kerl am Handgelenk an mir vorbei ins Taxi hinein und verstelle den Eingang: "Where is my mobile. WHERE IS MY MOBILE! GIVE ME MY MOBILE!"

Ich war so wütend.


Der Dieb versucht eine Unschuldsmiene zu machen, ihm ist die ganze Sache offensichtlich aber nicht so ganz kosher - das kann ich ihm ehrlich gesagt auch nicht übel nehmen. Wäre ich an seiner Stelle hätte ich mir ein wenig in die Hose gemacht.

Conductor und Driver haben mittlerweile mitbekommen, was da vor sich geht, schmeißen sich unter meinen ausgestreckten Armen in den Bus hinein und vermöbeln den jungen Gentleman wie die Wiesn-Security einen Besoffenen. Wirklich übel.
Keine 10 Sekunden später habe ich mein Handy wieder in der Hand und meine erste Lektion in Sachen "Mob Justice" abgeschlossen - mir wurde der Übeltäter vorgeführt und sehr deutlich gemacht, dass es meine Aufgabe wäre, ihn weiter zu malträtieren. Dass das nun nicht wirklich meiner Vorstellung von Gerechtigkeit entsprach, wurde mit Kopfschütteln von Seiten der Menge quittiert.
Ich glaube in Äthiopien werde ich meine kleinkriminellen Aktivitäten noch ein wenig auf Eis legen...
Der gemütliche Zeitgenosse, der meinen Störenfried schlagkräftig überzeugte, mir mein Handy zurückzugeben
Dabei ist das noch gar nichts.
Ich erzählte diese Geschichte einem kenianischen Freund am selben Abend und der meinte, der Kerl hätte noch Glück gehabt, dass er in Addis stiehlt: In Nairobi, gleich welcher Stadtteil, wird ein gefangener Taschendieb in einen Stapel Autoreifen gesteckt, der daraufhin angezündet wird.
Sollen sie doch mein Handy haben, bevor sie draufgehen...

Heimgekehrt von der Piazza teilten wir (Amu samt Freundin Saba sowie ein paar äthiopische Freunde) uns eine Shisha und genossen ein frisch gezapftes St. George. Nötig war's auf alle Fälle.
Abendstimmung in Addis



Freitag, 16. März 2012

FRUST!


Ja, manchmal geht das alles nicht so schnell voran. Weil ich auf speziellen Input von speziellen Leuten warte, geht es mit der Suche nach einem geeigneten Ort für unser Business Center nicht so wirklich voran. An der zukünftigen Location hängen aber ganz gewaltig die Investitions-, Liquiditäts- und Finanzplanung für die nächsten Monate.

Frustrierend!

Da ich also an einem toten Punkt hänge – massig zu tun, warte aber auf die entsprechende Info um weiterzumachen – und also einen Vormittag akut unbeschäftigt war, begleitete ich Anna zum „Reporter“, der größten äthiopischen Tageszeitung. Sie hatte dort einen Termin mit dem HR-Manager um ihre Studie über die Marktgerechtigkeit unsere Ausbildung und zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten durch ein Interview weiterzuführen. Hochinteressant war das: durch die hohe urbane Arbeitslosigkeit, speziell in Addis (ca. 25 – 30% lt. Regierungszahlen denen eigentlich überhaupt nicht zu trauen ist und die den „informellen“ Sektor, also Schuhputzer, Kaugummiverkäufer etc., als voll angestellt miteinrechnen) kommen auf eine freie Sekretärinnenstelle  um die 300 Bewerbungen. Von denen werden nur die ausreichend qualifizierten, ca. 5%, zum Assessment Center eingeladen. Umso wichtiger ist der Standard unserer Ausbildung und deshalb der Standard unserer Lehrer!
Unterwegs in Addis

Nachmittags stand dann endlich der entscheidende Termin mit Ato Zenebe („Ato“ steht für „Herr“ in Amharisch), General Manager von Selam an.
Ein paar grundsätzliche Sachen, vor allem beim Vorgehen zum PDP und zum Business Center konnten geklärt werden – so auch die Frage, ob Selam das Business Center lieber als Zweig in der Stadt oder bei sich auf dem Campus hätte. Dies ist Selam’s Entscheidung, da Selam als äthiopische NGO das ganze College samt seinen Income Generating Activities (IGAs) in wenigen Jahren übernehmen soll und sie danach voll dafür verantwortlich sind. Sie müssen sich deshalb von Anfang an verbunden mit dem BC fühlen und ein Gefühl von Verantwortung haben. Project-E stößt das ganze an, deshalb ist es wichtig, dass wir uns da auch sehr nach den Wünschen unseres Partners richten um sicherzustellen, dass sie da auch voll hinterstehen.
Selam hat ein geeignetes Gebäude. Das muss renoviert werden, ziemlich sogar, die Infrastruktur (Elektrizität, Wasser, SCHNELLES Internet) steht aber schon kostengünstig für uns zur Verfügung, die Miete entfällt komplett. Es gibt also einen Haufen Vorteile die die monatlichen Fixkosten ordentlich drücken werden, so dass das Center selbst bei bescheidener Nutzung durch Kunden von außen profitabel ist.
Mir ist ein aufgrund der nachteiligen Location nur halbvolles, aber aufgrund der niedrigen Fixkosten profitables Business Center 100x lieber als eines, das aufgrund der genialen Location brummvoll ist, aber trotzdem nicht profitabel läuft, da Mieten für solche Standorte in Addis einfach unverschämt hoch sind.

Letzten Endes gar nicht mal so frustrierend, der Tag.

Donnerstag, 15. März 2012

Häkchen setzen


Uuuh, heute ging es früh los.

Um zehn nach sieben kam der Bus von New Life College, Akaki Campus an der Bole Bras an, um uns einzusammeln.
Wieso New Life und wieso so früh?

Gegen neun Uhr erwarteten wir eine kleine Horde von Vertretern der österreichischen Journaillie, die sich die österreichischen Entwicklungsprojekte draußen in Bahir Dar angeschaut haben, danach ein wenig in Addis herumgekarrt wurden um schließlich bei New Life in Akaki zu landen. Hier sollten sie sich mal "ein österreichisches Grassrootprojekt anschauen", wie die mitreisende Vertreterin der ADA(Austrian Development Agency) den guten Leuten erklärte. Der Reiseplan sah danach einen Besuch bei der UN und der GIZ vor.

Ösis mit Amu vor College
Amanuel und ich also besonders schnieke in bestem Business-Attire, Anna in Hosenanzug und ab die Post. Wunderbarerweise war vielen Lehrern (wir haben beim NLCC nur sechs) gar nicht bewusst, dass wir heute Besuch bekämen - da schien es einen Kommunikationsaussetzer zwischen Management von New Life und dem Lehrkörper gegeben zu haben. Also schnell alles für eine Kaffeezeremonie vorbereitet und noch einmal kontrolliert, dass das College ordentlich aussieht bevor auch schon der Konvoi an weißen Corps-Diplomatique-4x4's zum Tor reingefahren kam.

Kleine, der Standard, OE1 und noch ein paar Medien waren vertreten. Angenehme Leute eigentlich, denen wir ein wenig über die Geschichte vom College und von Project-E erzählen wollten. Wie schön, dass uns da eine Norwegerin mit ihrer Anwesenheit beglückte, Ende 50/Mitte 60 die Dame, die gerade lt. eigener Schilderung ihren Master fertig macht und einen Großteil der Daten dafür am NLCC recherchierte. Diese wunderbare Dame nahm uns liebenswerter Weise den Job ab, ein paar Fakten über College und Verein loszuwerden, so dass wir später wenig zu tun hatten, außer diese Fakten richtigzustellen.

Da wir ja die äthiopische Partnerorganisation wechseln, müssen wir dies einigen unserer Geldgeber, ob nun in Äthiopien, in Österreich oder in Deutschland begründen.
Zu diesem Zweck hatten Amanuel und ich nachmittags einen Termin mit dem Ehemann der österreichischen Botschafterin, der das Projekt Matrix mitleitet - ein Körper, der aus den Ehepartnern der einzelnen Botschaftern besteht, die einmal im Monat zusammen kommen und über die besondere Förderung verschiedener kleiner Entwicklungsprojekte wie beispielsweise Project-E zu entscheiden. Die hatten, verständlicherweise, darum gebeten, dass wir ihnen einmal erklären, warum dieser Wechsel angezeigt sei.


Der Termin war sehr angenehm und problemlos - im Gegenteil, wir haben weitere Hilfe angeboten bekommen. Das könnte in den kommenden Monaten sehr hilfreich werden, speziell da wir ja einige größere Investitionen im Hinblick auf das Business Centre vor uns haben.

Hernach war der Tag vorbei, Amu und ich hingen beide völlig in den Seilen. Also ab in die Kebele-Bar, einem kleinen Park-ähnlichen Areal mit Tennisplatz ganz in der Nähe von unserer Wohnung.
Dazu muss man wissen, dass Äthiopien in Bundesländer unterteilt ist wie Deutschland. Eines davon ist Addis, ganz analog zu Berlin. Addis, immer noch sehr analog zu Berlin, ist unterteilt in Subcities, also Stadtteile. Hier heißen die nicht Prenzelberg oder Mitte, sondern Kazanches (UN, AU usw. haben dort ihre riesigen HQ's),  Yeka (bissl ausserhalb, Selam liegt dort), Bole (meine Hood) und viele weitere mehr. Diese Subcities sind unterteilt in Kebeles, die von einem Kebele-Vorsteher verwaltet werden. Es gibt entsprechende Kebele-Bars, in denen, man glaubt es kaum, von der Regierung bezuschusstes Bier ausgeschenkt wird: A Hoibe für 7 Birr, ziemlich genau ein drittel Euro.
Behailu, Äthiopiens wandelnde Enzyklopädie 

Saba, Amanuels Freundin

Kebele-Bar



Der Himmel.

Abends ging's in Guy's Bar. Guy ist Franzose, hat eine wirklich lustige, ziemlich günstige Bar, die lt. Schilderung meiner äthiopischen Bekannten hier generell vollgestopft mit Expats ist.

Erinnert Ihr Euch an die Atmosphäre der ersten Schuldisco, im Schullandheim oder in der Schulturnhalle oder so? Nach dem Motto, das ist jetzt eine Disco, da muss ich Spaß haben, weil doch alle beim Weggehen Spaß haben? Und jeder zerplatzt unter dem Druck seiner Hormone - damals pubertätsbedingt, jetzt durch die Unverbindlichkeit aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer im Land - und weiß aber nicht, wie man diesen Druck ohne totalen Alkoholabsturz Linderung verschaffen kann? Eine ungemein unverkrampfte, gelöste Stimmung war das!

Hab's krass genossen und war um halb eins im Bett.

Mittwoch, 14. März 2012

Real estate


Ich bin unter die Immobilienmakler gegangen.

Naja, nicht wirklich - aber der nächste Schritt in der Unternehmensgründung, und einer der mit Hochdruck forciert werden muss, ist die Frage des Ortes unseres Business Centers. Fokus ist die Profitabilität - es gibt da aber einen Trade off (ich liebe das Wort!) zwischen Kundenattraktivität und Mietkosten. Und wenn die Location zu billig (--> zu schlecht) ist, kommt kein Schwein und dann machen wir auch Verlust.

Einfacher wär's, wenn man schonmal wüsste, wo in etwa attraktive Orte sind!

Wisst ihr das? Hättet ihr Ahnung, wo man in Addis hinsollte, einen Ort wie die Maxvorstadt in München, Neukölln in Berlin oder West in Stuttgart?

Ich auch nicht. Und wie der Ox vorm Berg steh ich vor diesem stinkenden, staubigen Stadtmoloch, und soll in einem Monat einen Vertrag unterschrieben haben...

Aber keine Angst, Rettung naht! Amanuel hat Kontakte, setzt mich mit Leuten in Verbindung, die wissen, wo sowas gut geht, oder die jemanden kennen, der das weiß - Addis ist ein Dorf, schlimmer noch als München.

Heute waren wir in Quera und haben dort ein Gelände besichtigt, im Moment ziemlich heruntergekommen, wo ein Freund von Amu innerhalb der nächsten Monate ein ganzes neues Wohnviertel baut.
Die Wohnungsbauweise ist "container-building" - sie benutzen ausgediente Container, um Wohnungen zusammenzusetzen. Wände werden herausgetrennt wo dies nötig ist. So entsteht eine ungeahnt kreative Lebensatmosphäre. Die Container werden maximal neunmal übereinander gestapelt, sind extrem günstig und gut zu isolieren - hier nämlich gar nicht, dank des Klimas.


So kann das aussehen, ganz reizvoll, finde ich!

In einem Teil des Komplexes werden auch Restaurants, Shops und andere kommerzielle Mieter unterkommen. Wir möglicherweise auch - das hängt aber natürlich von der Attraktivität anderer Möglichkeiten und den konkreten Bedingungen in diesem Fall ab.

Wir sind in Verhandlungen und werden sehen!

Dienstag, 13. März 2012

Meilensteine

Große Freude!
Das, was ich bisher in meinem Businessplan habe vervollständigen können, ohne auf Marktdaten oder -studien zu vertrauen, ist fertig. Sprich, das ganze Konzept, die Deadlines, die Meilensteine und eine klare Definition der nächsten Schritte sind festgelegt.

Für die, die nicht das ganze Blog lesen wollen, oder die meinem Geschreibsel verständlicherweise nicht haben entnehmen können, WAS ich eigentlich den ganzen Tag hier mache, noch mal in Kurzform:

Project-E ist ein deutscher Verein, 2007 von einem damals 21-jährigen Medizinstudenten gegründet. Aufgrund der Initiative dieses Vereins wurde in Zusammenarbeit mit einer äthiopischen Non-Governmental-Organisation (NGO) in Addis Ababa eine Schule gebaut, in der junge äthiopische Frauen aus nach äthiopischem Standard benachteiligten Verhältnissen zu Sekretärinnen ausgebildet werden. So wird ihnen Werkzeug für die Gestaltung ihrer Zukunft an die Hand gegeben.

Damit die Schule aber nicht wie all die anderen zahllosen Projekte jahre-, jahrzehntelang am europäischen Tropf hängt, haben wir eine Strategie entwickelt, wie innerhalb von Äthiopien ein entsprechendes Einkommen generiert werden kann, um die Schule mehr und mehr zu finanzieren.

Eine Säule dieser Strategie ist ein kleines Unternehmen, dessen Profite die Ausbildung am College querfinanzieren.

Dieses Unternehmen besteht darin, den 99.5% der äthiopischen Bevölkerung, die kein Internetanschluss haben, die sich keinen Drucker und andere Büroausstattung leisten können ebendies zu angemessenen, erschwinglichen Preisen zur Verfügung zu stellen.

Meine Aufgabe ist es, die Gründung dieses Unternehmens vorzubereiten, soweit eben möglich. Das ist mehr Arbeit, als man denkt - vor allem weil Äthiopien beim weltweiten "ease of business"-Ranking auf Platz 101 steht.

Warum genau werde ich wahrscheinlich noch merken...

Montag, 12. März 2012

Rückfall


Heute ging es zuerst einmal zum New Life Community College (NLCC), mit dem 2009 alles anfing.

"Frische" Bilder sehen alle auf der Website www.project-e.eu, stellt Euch das ganze jetzt um einiges "afrikanischer" vom Zustand vor, die Fotos sind etwas älter.

Was soll ich über New Life sagen... Was darf ich über New Life, über Selam sagen? Wir haben ein PR-Team, dass die Kommunikation des Wechsels von der einen zur anderen Partnerorganisation regeln soll. Das ist auch nötig, da dieser Wechsel organisationspolitisch nicht ganz unkritisch ist - für alle Parteien. Blöd nur, dass bei der Kommunikation nichts geregelt wird, und man deshalb lieber gar nichts sagt, was im Arbeitsleben mit den entsprechenden Organisationen durchaus schwierig ist.

Ich freue mich auf jeden Fall, morgen früh wieder zu Selam zu fahren, dort habe ich nämlich mittlerweile mein Büro eröffnen dürfen. Ja, mit W-LAN, "T'ousin" (heißem, pappsüßen Origanotee) und aller Infrastruktur um die Ecke. Richtig Luxus!

Bei Selam
Bei NLCC gab es einen noch kleinen Rückfall, de facto also ein Vorfall, der mit ziemlich viel Nachfall Auffall bei mir erregte.
Umgefallen bin ich nicht.

Bilder von allen Colleges folgen! (Morgen, hoffe ich)
Muss sie nur schießen, auf meinen Laptop bekommen (ohne SD-Kartenleser schwierig...) und dann auch noch ins Netz stellen. Äthiopien hat das viertschlechteste Internet der Welt und das zweitschlechteste südlich der Sahara (nur Sierra Leone ist noch grottiger), vergebt mir also, falls es ein wenig länger dauert... :)

Sonntag, 11. März 2012

Ein gemütlicher Sonntag

Ausschlafen, eine Runde joggen, kühl duschen, danach bei 25°C und strahlendblauem Himmel (wird langsam langweilig jeden Tag über das geniale Wetter zu berichten - wie ist es denn bei Euch??) mit einem Buch nach draußen setzen und das Leben bei einem frischen Mangosaft genießen...
Nachmittags ein wenig Stress, "Mittagessen gehen", oh je. Ja mei, man muß auch Opfer bringen.
Um halb elf habe ich geschlafen und ich kann Euch sagen: Das Leben ist schön!

Anna vor der Volo-Wohnung









Nun ja. Einschränkungen gibt es. Mitten in der Nacht wachte ich auf und wunderte mich über diesen eigenartigen Schmerz im Obersche - AUA! Umdrehen gar nicht gut, dass sollte man lassen, der Schmerz zieht sich bis in die Hinternmuskeln.

Tja, 3 Monate untrainiert und nicht akklimatisiert auf 2500m bei stechendem Sonnenschein "eine Runde joggen" ist vielleicht nur minder intelligent.

Ich werde berichten.